Wie mühsam das ist, und wie schnell ihr wichtiges Anliegen, ihr Kampf gegen die globale Klimaerwärmung und die Beschränkung des CO² - Ausstoßes wieder von der Agenda verschwinden kann, haben sie in der Zeit von Corona leidvoll erfahren müssen. Plötzlich war ihr Thema, das aus ihrer Sicht existentiell ist, weil es ihr Leben in der Zukunft fundamental beeinflussen wird, nicht mehr im Fokus der öffentlichen Diskussion. Seitdem steht Corona im Zentrum der Beachtung.
Die Schüler*innen haben für ihr Anliegen das globale Problem der Klimaerwärmung zu bekämpfen einen lokalen Ansatz gewählt, der sich in unzähligen lokalen und regionalen Aktionen manifestiert hat. Das war erfolgreich. Wer global etwas ändern will, kann also durchaus durch lokales Handeln Erfolg haben.
Genau deshalb sollten die Schüler*innen darüber informiert sein, wie Kommunalpolitik funktioniert, wer die Akteure sind, welche Ziele sie verfolgen und bei wem oder welcher Partei ihr Anliegen am ehesten aufgehoben ist und ihre Stimme Gehör findet. Und wie kann das besser funktionieren, wenn man die, die sich zur Wahl stellen, direkt befragen kann?
Deshalb habe ich die Kandidaten und Kandidatin, die sich um das Amt des Oberbürgermeisters/der Oberbürgermeisterin beworben haben, in unsere Schule eingeladen. So stellten sich Frau Lürken (CDU) in Vertretung für Herrn Baal, Herr Dopatka (SPD), Frau Keupen (Bündnis 90/Grüne), Herr Blum (FDP) in Vertretung für Herrn Helg und Herr Sonnen (Die Linke) in Vertretung für Herrn Deumens den Fragen der Schüler*innen. Wie nicht anders zu erwarten, standen Fragen zu den Themen Digitalisierung der Schulen, Mobilität der Zukunft und Lösungsstrategien im Kampf gegen die Klimaerwärmung im Vordergrund.
Da die aus bis zu 25 Schüler*innen bestehenden Gruppen alle Kandidat*innen einzeln befragen konnten, hatten sie Gelegenheit, die unterschiedlichen Auftritte und Antworten zu erkennen und zu beurteilen.
In der Reflektion der Antworten konnten die Schülerinnen sehr wohl zwischen selbstverliebtem Monolog und faktenbasierter Stellungnahme unterscheiden.
Politiker*innen sollten sich darüber im Klaren sein, dass auch 16-18-jährige Erstwähler sehr wohl zwischen einer ernsthaften Antwort, die ihre Ängste, Bedenken und Forderungen in den Fokus nimmt und einer stereotypen Replik, die ihre Zukunftssorgen außer Acht lässt, unterscheiden können. So stellten die Schüler*innen schnell fest, wessen Antworten unbefriedigend waren und wer ihnen zugehört hat.
Wer als Politiker*in erfolgreich Politik machen will, sollte sich darüber im Klaren sein, dass er/sie zuhören können muss und die Jungwähler*innen ernst nehmen muss, in dem was sie sich für ihre Zukunft wünschen und fordern.
Jetzt steht Corona im Vordergrund. Aber die Schüler*innen haben nicht vergessen, dass ihre Zukunft von den Entscheidungen hinsichtlich einer erfolgreichen Klimapolitik abhängig ist, die zumindest das 1,5 Grad-Ziel im Blick behält.
Mit „alten“ Antworten, die den gegenwärtigen Zustand bewahren wollen, werden sich die Schüler*innen nicht zufrieden geben. Das haben sie im Übrigen in der Schule gelernt. Politikverdrossenheit und Politikmüdigkeit sollte man den Schüler*innen jedenfalls nicht unterstellen. Richtiger wäre es wohl ihre Energie aufzunehmen und sie in den wichtigen Prozess der Entscheidungsfindung zu involvieren, ohne sie für eine politische Richtung zu vereinnahmen und zu instrumentalisieren. In diesem Sinne würde ich mir für die Schüler*innen ein regelmäßig tagendes Schüler*innen- oder Jugendparlament wünschen, in dem sie ihre Forderungen formulieren können und denen eine verbindliche Realisierung folgt.
Wenn sie Politik machen wollen, wissen sie nach der Wahl, an wen sie sich wenden müssen, wo und wie sie sich informieren können. Wenn sie sich in Zukunft auch realistisch einbringen können, dann wäre das ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
PS: Die Veranstaltung fand natürlich unter den Bedingungen der Hygienevorschriften zur Bekämpfung der Corona-Pandemie statt. Die Schüler*innen und die Kandidaten trugen Masken, hielten Abstand und folgten in den Gruppen dem Einbahnstraßensystem im Oberstufentrakt und begegneten sich so nicht. Michael Propers